Detailvermessung

Detailvermessung mit: Ritual. oder: Das gute Stück vom Ende.

Auf Wiedersehen.
(Ritual auf der Spanien/Portugal Tour Anfang 2012 http://ritualeurope.blogspot.de/)

„All things must pass“ – mit diesen Worten gaben Ritual, eine der wegweisendsten deutschen Hardcore-Bands der letzten Jahre, Ende März ihre Trennung bekannt. Vor dem Abschied gehen die vier Jungs noch im Juli mit Verse und Soul Control auf Tour. Genug Zeit also, um einigen Gedanken zum Leben mit der Band, Weiterentwicklungen und zum Abschied-Nehmen Platz zu geben.

Ein Interview mit Philipp und Pascal  in der kuscheligen Kaffeeatmosphäre eines sonnigen Samstagnachmittags in Münster.

Es ist eine Ehre für mich, gerade zu diesem Anlass das Interview mit euch führen zu dürfen, da ich Ritual seit den Anfängen kenne. Sieben Jahre sind es nun, eine ziemlich lange Zeit.

Philipp: Ja, aber es war ja ein ziemlich direkter Übergang von der Band, die Deni, Julian und ich schon vorher hatten. Vor etwa sieben Jahren haben wir das dann Ritual genannt, aber im Grunde machen wir Musik, seitdem wir 15, 16 sind, seit 2003. Das sind dann jetzt 9 Jahre, das ist eine verdammt lange Zeit. Vor allem, weil auch diese Zeit von 15 bis jetzt 24 eben besonders prägend ist, in der viele Veränderungen eintreten, rein biographischer Natur, von dem was man im Leben macht oder was man sonst an Musik oder an Ideen gut findet. Aus diesem Grund ist diese Zeit besonders intensiv und kommt mir gerade deswegen besonders lang vor.

Wie sehr ging das ineinander über, das Banddasein und das Leben, das ihr geführt habt? 

Philipp: Es ist schon so, dass wir alle im Grunde primär auf die Band fokussiert waren und Dinge wie Schule, Zivildienst oder Uni in irgendeiner Form besser bewältigen konnten, weil man in Gedanken immer bei der Band war. Weil man immer weiß, was als Nächstes kommt. So ist es bei mir auf jeden Fall, dass ich Phasen, in denen ich auch Unangenehmes machen musste,  deswegen gut überstanden habe, weil ich wusste: Gut, dann kommen in zwei Wochen eben wieder Konzerte.

Ein kleines Szenario: ihr seid schon sehr alt und ein Enkelkind kommt mit eurer alten Plattenkiste zu euch und fragt: was ist das für Musik? 

Philipp: Ich finde es immer sehr müßig, sich individuelle Definitionen von Hardcore  zurecht zu schustern und so in den Raum zu stellen.

Pascal: Das Produkt, das Musikalische, ist ja an und für sich nicht mehr als eine Form von Rockmusik und naja, alles was drum herum ist…

Philipp: …ja, das wird dann immer individuell ausgelegt und dann aber als die ultimative Wahrheit verkauft, Hardcore sei dies oder jenes, DIY hier oder Straight Edge da. Was die Leute eben selbst dort hinein projizieren. Und weil das so ist, versuche ich gar nicht so eine Definition zu liefern. Wenn ich gefragt werde, was das Entscheidende für mich dabei ist oder warum ich die Musik mache, dann würde ich nicht anfangen, davon zu sprechen, wie toll die Szene ist oder wie sehr Hardcore anderen Jugendkulturen überlegen wäre…das gibt es ja, solche Ideen sind ja im Umlauf, das finde ich ganz fürchterlich. Ich würde eher sagen, dass Hardcore und Punk auf eine ganz eigene Art und Weise eine Energie transportieren, die ich auf eine Art empfinde, wie ich es bei keiner anderen Musik wahrnehme, obwohl ich auch viele andere Musik aus anderen Gründen gut finde.

Mit der Auflösung der Band geht es für die meisten von euch nun weg vom Hardcore. Seid ihr an dem Punkt angekommen, zu sagen: hier kommen wir nicht mehr weiter, deswegen gehen wir woanders hin?

Pascal: Das ist auf jeden Fall eine Überlegung, die bei uns auch eine Rolle gespielt hat. Gerade mit dem letzten Album haben wir versucht, über die Genregrenzen hinaus zu schauen, was geht, ohne sich dabei von den musikalischen Strukturen komplett zu lösen.

Philipp: Die Frage ist dann, was soll dann danach noch kommen. Die Frage stand dann im Raum und dann…

Ist die Platte nicht so gut angekommen, wie ihr es euch erhofft hattet?

Philipp: Das würde ich so nicht sagen, die Platte hatte viele gute Besprechungen, in denen gerade auf den neuen Weg, den wir eingeschlagen hatten, eingegangen wurde. Im Zeitraum nach der Veröffentlichung standen wir dann aber immer wieder vor der Frage, wie wir die Set-Liste gestalten. Innerhalb der Band gab es dann auch Meinungsverschiedenheiten, wie man die neuen Songs live spielt und mit den Alten mischt. Natürlich ist es so, dass die älteren Songs mehr für den Livemoment gemacht sind und auf eine gewisse Funktionalität hin ausgerichtet sind. Das geht vielleicht auf Kosten eines spannenden Songwritings, was uns auf der letzten Platte wichtiger war. In diesem Zusammenhang ist uns klar geworden, dass es eventuell schwierig ist, eine nächste Platte zu machen, bei der sich alle einig sind, wohin es gehen soll. Weil die Frage immer wieder auftritt: Wie bringt man es live rüber und wie ist das Gleichgewicht zwischen der Live-Funktionalität, der Mitsingtauglichkeit, und den eigenen kreativen Ansprüchen. Das kann sich schon ziemlich gegenüberstehen.

Und weil es immer weiter nach vorne geht, gibt es kein Zurück? 

Philipp: Naja, das soll jetzt nicht so klingen, als sei es unmöglich, Musik zu machen, die spannend ist und live total explodiert. Aber es ist in unserem konkreten Fall so, dass die Entwicklung, die wir genommen haben, oder dass die letzte Platte eine ist, die die Leute vielleicht lieber zu Hause hören als auf Konzerten. Vielleicht anders formulieren: Es ist auch einfach so, dass wir uns eingestehen mussten, dass es gar nicht in unserem Interesse liegt, weiter zu schauen, wie man Hardcore jetzt auf eine interessante Art und Weise spielen kann. Das ist nicht mehr unser Vorhaben gewesen. Ich glaube, wir brauchten, da kann ich zumindest für Pascal und mich sprechen, einen größeren Schritt auf einmal, der bei einer ganz anderen musikalischen Form ansetzt.

Ist es vergleichbar mit einer Jugendliebe, die zu Ende geht?

(langes Überlegen)

Philipp: Ich glaube, das wird noch spürbarer, wenn es ganz vorbei ist, es gibt noch eine Menge, die uns bevor steht.  Zu realisieren, dass das letzte Konzert gespielt ist, ist sicherlich schon krass. So, dass es wirklich auch vergleichbar ist.

Grundsätzlich war es uns gerade deswegen so wichtig, behutsam loszulassen. Bis zur Sommer-Tour ist noch viel Zeit, sich mit dem Gedanken anzufreunden und dann gibt es auch noch die letzte Show. Es ist ein langsames Loslassen, ich stelle es mir so einfacher vor, als wenn es ganz plötzlich passiert.

Philipp, in einem Interview vom August im letzten Jahr hast du gesagt: „(…) dass Ritual sozusagen unsere gemeinsame Begleitung beim Älterwerden ist und zugleich unser Weg an einer gewissen Jugendlichkeit und an einem gewissen Leichtsinn festzuhalten.“ Seid ihr jetzt doch auf einmal alle erwachsen?*

Philipp: Natürlich ist es nicht so, dass man auf einmal meint, man ist erwachsen. Aber eine Sache, die ich gerade im Hardcore schon immer befremdlich fand, ist dieser unhinterfragbare Konsens darüber, dass man nicht erwachsen werde dürfe, wie in Songs wie: „Young until I die“. Für mich ist es aber eigentlich immer wichtig, dass ich mit dem Alter, das ich erreiche, zufrieden bin. Dass es nicht bedeutet, dass ich mich dann auf eine entsprechende Art und Weise verhalte, sondern einfach, dass ich nicht stagnieren will. Für mich wäre es keine Option, noch mal in einer Pop-Punk Band zu spielen. Das ist für mich Musik, die ich ganz dezidiert mit einem Teenager-Dasein assoziiere und das empfinde ich nicht mehr. Das muss man sich auch eingestehen können und es ist  Unsinn zu sagen, dass man den gleichen Scheiß von vor 10 Jahren immer noch machen will und gut findet. Was ich ganz unabhängig von dieser Frage eigentlich sagen will, ist, dass ich einfach immer den Drang verspüre, neue Sachen ausprobieren zu wollen.

Was werdet ihr am meisten vermissen?

Pascal: Man vergisst ja oft, dass die meiste Zeit, die man in einer Hardcore-Band verbringt, auf der Straße stattfindet. Ein Konzert, das ist eine halbe Stunde am Abend, davor und danach hängt man dann an der Venue ab und redet mit Leuten. Das ist auch cool, aber eigentlich ist man die meiste Zeit im Auto. Bei uns sind es also die vier Jungs, die tagelang im Auto aufeinander hocken und das führt natürlich auch zu Stresssituationen. Aber man ist so ein eingespieltes Team, man macht über die Jahre immer wieder das Gleiche, da entwickelt sich eine ganz besondere Atmosphäre, ein ganz besonderes Zusammenspiel…

Philipp: … eine besondere Art miteinander umzugehen…

Pascal: …ja nicht nur miteinander, sondern eben in genau diesen Situationen, ob du scheiße drauf bist oder ob alles super ist, da kommst du gerade nicht raus. Du musst dich damit abfinden, dass du gerade zu viert, oder auch mit anderen Bands dann auch mal zu neunt, wochenlang jeden Tag aufeinander sitzt. Und das ist eine ganz besondere, wenn nicht komfortable Situation, die ich auf jeden Fall vermissen werde. Die wird zwar auch noch da sein, wenn man mit seinen anderen Bands unterwegs ist, aber eben genau in dieser Personenkonstellation, das bleibt einzigartig.

* Zitat aus: http://www.burnyourears.de/reviews/interview/14780-ritual-interview-mit-drummer-phillip-zum-album-paper-skin

http://www.facebook.com/ritualeurope

http://ritualeurope.blogspot.de/

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